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Wirklichkeit

Eintrag in Bearbeitung
Nach einem Aufsatz von Brigitte Lustig, Wien1)

Wirkliches im ersten und zweiten Sinn

Im Kritischen Realismus, wie ihn Wolfgang Metzger darstellt, wird unterschieden zwischen der Wirklichkeit im 1. Sinn (physikalische Welt) und der Wirklichkeit im 2. Sinn (phänomenale, anschauliche Welt).

Die phänomenale Welt ist Teil der physikalischen Welt. Psychophysische Körper-Ich-Vorgänge und psychophysische Welt-Vorgänge (erlebtes Ich und anschauliche Welt - Mikrokosmos) ereignen sich im physikalischen Organismus, der ein Teil der physikalischen Welt ist (Makrokosmos). Somit ist der Mikrokosmos selbst ein physikalischer Teilbereich im Makrokosmos. Die phänomenalen Sachverhalte der anschaulichen Welt werden als strukturell verwandt mit den phy sikalischen begriffen. Bewusstseinsfähig sind dagegen ausschließlich Tatsachen der phänomenalen Welt. Es ist jedoch möglich, dass „Transphänomenales“ (gegenwärtig nicht Bewusst seinsfähiges, gegenwärtig nicht als Wahrnehmungsinhalt Verfügbares) zu „Phänomenalem“ werden kann. Umgekehrt findet das menschliche Handeln in der phänomenalen anschaulichen Welt seine Entsprechung und Wirkung in der physikalischen, erlebnisjenseitigen Welt, man denke etwa an Atomversuche.

Die Wirklichkeit im 2. Sinn kann vom Menschen als Hinweis auf die Wirklichkeit im 1. Sinn genommen werden, das heißt: bestimmte Merkmale der anschaulichen Welt weisen auf bestimmte Eigenschaften des physikalisch Wirklichen hin, das wir nie unmittelbar erfahren können. Der physikalische Organismus, wie er dort existiert, ist als solcher nicht erfahrbar. Jeder Mensch erlebt seinen Körper immer nur in seiner phänomenalen Welt, der Wirklichkeit im 2. Sinn, jetzt z. B. als diesen Text lesend. Derselbe Vorgang in der transphänomenalen Welt ist mit den menschlichen Sinnen nicht wahrnehmbar: „Es gibt nichts (Ergänzung B. L.) außer den Leuten und Sachen, die wir um uns vorfi nden und mit denen wir umzugehen haben, …“ (Metzger 2001, 17).

„Angetroffenes“, Wirkliches im 3. Sinn - „Vergegenwärtigtes“, Nicht-Wirkliches im 3. Sinn

Wirklich im 3. Sinn sind alle Dinge, Wesen, Ereignisse, Taten, aber auch Hunger, Durst und Freude. Auch Geträumtes, Halluziniertes, und lebhaft „Eingebildetes“ gehört zur Klasse des Angetroffenen (nach Metzger 2001, 19).

Im Sinn alltäglichen Sprachgebrauchs bedeutet „unwirklich“ „nicht existent“. Dies entspricht nach Ansicht von Metzger dem „Nicht-Wirklichen im 3. Sinn“, also dem Vergegenwärtigten, Gedachten. Metzger bezeichnet alles Gedachte, Vorgestellte, Erinnerte, begrifflich Gewusste, Beabsichtigte, Geahnte, Vermutete, Erwartete als vergegenwärtigt (nach Metzger 2001, 18).

Das eigene Herz ist demnach in seiner anatomischen Lage nicht anschaulich angetroffen, sondern nur gewusst oder vorgestellt, also nicht-wirklich im 3. Sinn. Der Herzschlag, den ich spüre, ist dagegen angetroffen, also wirklich im 3. Sinn, ebenso wie das Herz, das ich in einer Dialog-Arbeit „auf einen Sessel setze“, um mit ihm - dem Herzen - ins Gespräch zu kommen.

Vergegenwärtigungen verweisen auf das Angetroffene, den antreffbaren Anschauungsgegenstand. Vergegenwärtigungen können sich auch auf die Wirklichkeit im 1. Sinn beziehen, z. B. wissenschaftliche Theorien.

Das Angetroffene besitzt nach Metzger im Erleben des Menschen eine stärkere Wirksamkeit als das Vergegenwärtigte. Wenn also in der Ecke des Kinderzimmers eine Hexe wohnt, dann wird sie nicht durch die vernünftige Erklärung vertrieben werden, es gäbe in Wirklichkeit keine Hexen. In diesem Zusammenhang beschreibt Metzger die Rolle des gedanklichen Urteils im Erleben im Unterschied zur funktionalen Wirksamkeit des Angetrof fenen. Demnach ist ein Urteil eine gedankliche Stellungnahme dazu, wieweit Angetroffenes mit vorauszusetzenden Fakten der Wirklichkeit im 1. Sinn übereinstimmt (nach Metzger 2001, 27).

Wirklichkeit im 4. Sinn: „Etwas“, „Nichts“, „Voll“ und „Leer“

Innerhalb des Angetroffenen (wirklich im 3.Sinn) beschreibt Metzger einen 4. Sinn von Wirklichkeit: Wir können in unserer Welt „etwas“ oder auch „nichts“ antreffen. „Etwas“ ist häufig ver knüpft mit dem Begriff „Material“ (etwas, das Dichte besitzt, Raum einnimmt). Ein Glasbehälter kann voll Wasser oder leer sein. Ein mit Wasser gefülltes Aquarium ohne Fische wird jedoch als leer erlebt, ebenso eine einfarbig bemalte Wand ohne Muster. Diese alltägliche Erfahrung zeigt, dass der Unterschied zwischen Dinglichkeit und Leere eindrucksvoll erlebt und nicht nur gedanklich vollzogen wird. Vielmehr „sieht“ man förmlich, dass die Fische im leeren Fischglas fehlen.

Niemand würde nun auf die Idee kommen, das Nicht-Erfüllte, Leere als unwirklich zu bezeichnen. „Der ‚Platz für etwas‘ ist ebenso antreffbar … eine anschauliche Gegebenheit … wie die Dinge, die ihn … erfüllen können.“ (Metzger 2001, 30, Hervorhebung B. L.).

Unwahrnehmbar Vorhandenes

Metzger beschäftigt sich auch mit dem „unwahrnehmbar Vorhandenen“ und seiner funktionalen Wirksamkeit im Vergleich zum sichtbar Angetroffenen sowie dem Vergegenwärtigten: „Etwas“ im 4. Sinn setzt die qualitative Ausfüllung eines gewissen Bereiches voraus und die Abgrenzung gegenüber dem umgebenden Bereich. Die Wirklichkeit im 3. Sinn, das Angetroffene, ist aber darüber hinaus noch durchsetzt mit „Etwassen“, die die eben genannten Bedingungen nicht erfüllen, weil sie im Augenblick nicht wahrnehmbar sind, z. B. nicht tastbar oder nicht sichtbar, etwa bei Nebel, Dunkelheit oder Verhüllung. Diese Etwasse werden häufig als nicht angetroffen erlebt, sondern eher als vergegenwärtigt, z. B. wenn der Inhalt eines Päckchens durch einen Brief vermittelt wird. Dagegen wird ein Würfel, von dem nur einige Seiten sichtbar sind, als zur Gänze angetroffen erlebt, ebenso unsere ganze Umgebung, wenn das Licht für einige Zeit ausfällt.

Metzger schreibt hierzu:
„Drehen wir uns mit geschlossenen Augen (mehrmals) um, so orientieren wir uns an dieser unsichtbar wirklichen … Umgebung … und man kann am Verhalten der Versuchsperson gut sehen, wann die unsichtbare Wirklichkeit (ihrer) Umgebung in eine bloße Vergegenwärtigung übergeht, die keinen Halt mehr bietet.„ (Metzger 2001, 32, Hervorhebung B.L.). Letzterem misst Metzger große Bedeutung zu: „Von solchen Beispielen ist es nur ein kleiner … Schritt bis zu dem Erleben der Gegenwart von Wesenheiten, die ihrer Natur nach … unwahrnehmbar und trotzdem nicht bloße Gedankengänge sind“ (Metzger 2001, 32). In der Regel spricht man in diesem Fall dann von „religiösen Vorstellungen“, was Metzger kritisiert:

„Der Unterschied zwischen religiösen ‚Vorstellungen‘ (Vergegenwärtigung) und religiösen ‚Wirklichkeiten‘ (Angetroffenes), zwischen dem ‚gedachten Gott‘ und dem ‚gegenwärtigen Gott‘ (M. Eckhart) oder zwischen den in irgendeinem Jenseits angenommenen Ahnen des Europäers und den im Hausaltar leibhaftig gegenwärtigen des Japaners, ist da nicht weniger entscheidend als im vorigen Beispiel. Das unterscheidende Merkmal ist dasselbe wie dort: der Halt und die Verankerung des Menschen in seinem Tun und Lassen.“ (Metzger 2001, 33, Hervorhebung B.L.).

Nach Ansicht von Metzger darf hier kein geheimnisvoller Zusammenhang mit Tatbeständen aus der transphänomenalen Welt angenommen werden.

Wirklichkeit im 5. Sinn

Metzger unterscheidet zwischen dem anschaulich Wirklichen im Gegensatz zum anschaulichen Schein.

Das heißt, in der phänomenalen Welt gibt es Gegenstände, Vorgänge und „Eigenschaften mit dem anschaulichen Charakter der ‚ernst zu nehmenden‘ Wirklichkeit und andere(n) mit dem anschaulichen Charakter des ‚bloßen‘ Scheins, … des Nichtigen, dessen, was ‚nur so aussieht‘“ (Metzger 2001, 35): Bunte Nachbilder, wenn man vorher in die Sonne geschaut hat, Raumtiefe bei perspekti vischen Zeichnungen, Verzerrungen von Dingen, die durch eine Glasscheibe betrachtet werden.

Der Wirklichkeitscharakter von Vergegenwärtigungen

Den Unterschied zwischen Wirklichem und weniger Wirklichem gibt es nach Metzger auch bei Vergegenwärtigungen:
„Es handelt sich hier um die für das Erleben … grundlegende Unterscheidung zwischen Vergegenwärtigungen (Gedanken und Vorstellungen), die mit dem Charakter des auf Tatsächliches sich Beziehenden, des Gewussten, des Erinnerten … auftreten - und solchen, die den Charakter des bloßen Einfalls, … der Träumerei, des Erdachten im eigentlichen Sinn haben“ (Metzger 2001, 38).

Literatur:

1)
Brigitte Lustig (2005): Wirklichkeiten in der psychagogischen Arbeit mit Kindern. Gestalt Theory 27(2), 107-124.
wirklichkeit.1483981492.txt.gz · Zuletzt geändert: 12.03.2024 13:26 (Externe Bearbeitung)