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zugehoerigkeit

Zugehörigkeit

[EN: belonging]

Marianne Soff, Karlsruhe

Der Begriff „Zugehörigkeit“, oft in Wortzusammensetzungen wie „Zugehörigkeitsgefühl“ oder „Zugehörigkeitsbedürfnis“ gebraucht, beschreibt einen wichtigen Teil-Aspekt des Menschenbildes der Gestalttheorie und der Gestalttheoretischen Psychotherapie (vgl. auch Wir-Tendenz).

Nach Metzger (1975b) gilt Zugehörigkeit als soziales Grundbedürfnis des Menschen und entspricht (als Zugehörigkeitsgefühl) der Prägnanztendenz, die sich im einzelnen Menschen in bezug auf eine konkret erlebte Gruppe unter günstigen Umständen zeigt: Es handelt sich dabei um eine Verbindung zwischen dem Einzelnen und der Gruppe, die als „Angenommensein in“ ,als „Verbundenheit mit“ oder als „Teil-Sein von“ der Gruppe erlebt wird. In der Terminologie Lewins kann der Einfluss der Gruppenzugehörigkeit auf das Verhalten des Einzelnen „als Ergebnis einer Überschneidungssituation angesehen werden: die eine Situation entspricht den Bedürfnissen und Zielen der Person; die andere den Zielen, Regeln und Werten, die für die Person als Glied der Gruppe bestehen. Die Anpasssung des Individuums an die Gruppe hängt von der Vermeidung eines zu großen Konflikts zwischen diesen beiden Kräftekonstellationen ab.“ (Lewin, 1946, in KLW 1982, 414) (vgl. Lebensraum)

Metzger hebt hervor, dass die sozialen Bedürfnisse des Menschen ebenso ursprünglich sind wie seine organischen Bedürfnisse (1975b, S. 23). Unter diesen steht das Bedürfnis nach Zugehörigkeit an erster Stelle, dicht gefolgt vom Bedürfnis nach Gleichwertigkeit und Gleichgeachtetheit (Metzger 1976, vor allem 96ff). In der Entwicklung eines Kindes stellen für Metzger das „Grunderlebnis“ eines unerschütterlichen Gefühls von Zugehörigkeit zur „ersten von ihm erlebbaren lebendigen Kleingruppe, der Familie“ (1975a, S.45) und die Vermittlung des sicheren Gleichwertigkeitsgefühls die Voraussetzungen für die Aneignung der in der Familie üblichen Regeln des Zusammenlebens sowie der Werte und Normen dar, die unter diesen Umständen vom Kind selbst angestrebt wird. So gehören aus gestalttheoretischer Sicht Zugehörigkeit und Gleichwertigkeit zu den wichtigsten „Voraussetzungen der Erziehbarkeit“ (Metzger 1976).

Zugehörigkeit hat damit einen ähnlichen Stellenwert wie Adlers Begriff „Gemeinschaftsgefühl“ im Rahmen der Individualpsychologie. Nach Metzger (1975a, 42f) sieht die Gestalttheorie in Übereinstimmung mit der Individualpsychologie jedoch „das eigentliche Ziel der Erziehung nicht in der Festlegung bestimmter, dem Einzelnen von der Gesellschaft auferlegten Verhaltensweisen, sondern in der Befreiung zu vielen Möglichkeiten, zu einer Selbständigkeit, die fähig macht, im Bedarfsfall auch gegen den Strom allgemeiner Meinungen den jeweiligen Forderungen der Lage entsprechend zu handeln.“ (Gefordertheit der Lage)

In der Ausbildung in Gestalttheoretischer Psychotherapie wird dem insofern Rechnung getragen, als die Zugehörigkeit zu einer Gruppe in den ersten drei Jahren Grundbestandteil der Ausbildung ist, in deren Rahmen sich wesentliche Teile der Selbsterfahrung der Ausbildungsteilnehmer ereignen und die zugleich Übungsfeld für die Übernahme der Leitung von psychotherapeutischen Arbeiten ist. Walter begründet dies:

„Menschliches Zusammenleben und menschliche Entwicklung erfolgen grundsätzlich nach Gruppengesetzmäßigkeiten. Individualität, wie sie sich aufgrund von Überzeugungen und Verhaltensweisen beschreiben lässt, kann nur im menschlichen Miteinander entstehen und sich nur im menschlichen Miteinander manifestieren. Ohne den Mitmenschen wäre jeder persönlichen Entwicklung der Boden entzogen. Wenn nun im Prozess der Auseinandersetzung zwischen Menschen und Gruppen der Ausgangspunkt individuellen Denkens, Fühlens und Handelns gesehen wird: Was liegt näher, als in 'der Gruppe' das Mittel der Wahl zu erkennen, um Überzeugungen zu verändern oder auch erst zu stiften?“ (Walter 1994, 143)

Walter weist jedoch auch darauf hin, dass in einer Gruppe mitunter die Gefahr blinder Anpassung und Unterwerfung des Einzelnen in bezug auf die sich herausbildenden Gruppennormen besteht. Daher muss der Gruppentherapeut „eingreifen, wenn Fluchttendenzen, etwa in die Illusion einer gar nicht existierenden Gemeinsamkeit (…) das Übergewicht zu gewinnen drohen gegenüber dem Bemühen um angemessene Abgrenzung (Selbstbehauptung, Selbständigkeit) und um Bewusstheit und Verständnis des wechselseitigen Geschehens: der individuellen und der gruppalen Prozesse.“ (a.a.O., 147f)

Literatur:

  • Lewin, Kurt (1940 in 1982): Die Erziehung des Kindes (1940). In: Kurt-Lewin-Werkausgabe, Bd. 6, Psychologie der Entwicklung und Erziehung, herausgegeben von Franz E. Weinert u. Horst Gundlach 1982, 267-283, Bern, Stuttgart: Huber, Klett-Cotta.
  • Lewin, Kurt (1946 in 1982): Verhalten und Entwicklung als Funktion der Gesamtsituation (1946). In: Kurt-Lewin-Werkausgabe, Bd. 6, Psychologie der Entwicklung und Erziehung, herausgegeben von Franz E. Weinert u. Horst Gundlach 1982, 375-448, Bern, Stuttgart: Huber, Klett-Cotta
  • Metzger, Wolfgang (1975a): Psychologie und Pädagogik zwischen Lerntheorie, Tiefenpsychologie, Gestalttheorie und Verhaltensforschung. Bern, Stuttgart, Wien: Huber
  • Metzger, Wolfgang (1975b): Gibt es eine gestalttheoretische Erziehung? In: Kurt Guss (Hrsg.) Gestalttheorie und Erziehung. 18-41. Darmstadt: Steinkopff.
  • Metzger, Wolfgang (1976): Psychologie in der Erziehung. 3. Auflage. Bochum: Kamp.
  • Walter, Hans-Jürgen (1994): Gestalttheorie und Psychotherapie. Zur integrativen Anwendung zeitgenössischer Therapieformen. 3. Auflage. Opladen.

Giuseppe Galli:

Der Mensch als Mit-Mensch.

Aufsätze zur Gestalttheorie in Forschung, Anwendung und Dialog. Herausgegeben und eingeleitet von Gerhard Stemberger

Wien: Verlag Wolfgang Krammer

ISBN 978 3 901811 75 3 | 197 Seiten | Preis 25,00 Euro

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Inhaltsverzeichnis und Einführung von Gerhard Stemberger

zugehoerigkeit.txt · Zuletzt geändert: 24.07.2021 14:52 von stemberger