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gewohnheit

Gewohnheit: Ausführungs-gewohnheit; Bedürfnis- oder Triebgewohnheit (Sucht)

Kurt Lewin (1890-1947)1)

Kritik am herkömmlichen Verständnis von Gewohnheit

Gewohnheiten sind nach früherer, assoziationspsychologischer Vorstellung nichts anderes als Assoziationen, deren Stärke durch die Zahl der Wiederholungen quantitativ variiert werden kann. [Lewin 1929/2009, 86]. Das Grundgesetz der Assoziation ist jedoch in dem Sinn ungültig, dass Assoziationen prinzipiell nicht als „Motoren“ seelischen Geschehens angesprochen werden dürfen. Der Assoziation darf bestenfalls dynamisch die Position einer Koppelung, keineswegs aber die Rolle einer seelischen Energie zugewiesen werden: eine Assoziation oder populär ausgedrückt, eine „Gewohnheit“ stellt prinzipiell keine Energiequelle seelischen Geschehens dar. [87f]

Die Wiederholung führt unter Umständen zu der „Fähigkeit“, gewisse Handlungen in bestimmter Folge auszuführen, aber sie setzt keinen Zwang oder auch nur eine Tendenz, nach Ausführung der ersten Handlung (a) die gewohnte zweite (b) folgen zu lassen. Zu so genannten Gewohnheitshandlungen kommt es vielmehr nur dann, wenn die fraglichen beiden Handlungen (a, b) unselbständige Bestandteile eines relativ einheitlichen Handlungsganzen sind und wenn ferner in der späteren Situation aus irgendwelchen akuten Gründen ein Handlungsganzes in Gang gebracht wird, das dem gewohnten Handlungsganzen gleich oder ähnlich ist (vgl. auch Koffka 1923).

Die Experimente zwingen also dazu, - das ist auch psychotherapeutisch von Interesse – innerhalb der Gewohnheiten die eigentlichen Bedürfnis- oder Triebgewohnheiten (wie Trinken, Kokainschnupfen) von den bloßen Ausführungsgewohnheiten (z. B. dem Drücken der Türklinke) zu unterscheiden (Lewin 1922, 117f).

Bedürfnis- oder Triebgewohnheiten, die "Süchte"

Bei den Bedürfnis- oder Triebgewohnheiten, den „Süchten“, handelt es sich psychologisch um wirkliche Triebquellen, um seelische Spannungssysteme von der Struktur der Bedürfnisse. Der Terminus „Gewohnheit“ kennzeichnet hier lediglich gewisse Abwandlungen und Spezialisierungen von Bedürfnissen im Sinne einer „Fixierung von Aufforderungscharakteren“ an bestimmte Befriedigungsmittel und Befriedigungsweisen meist gesellschaftlich unerwünschter Art. Dieser Vorgang der Einengung zunächst diffuser Befriedigungsmöglichkeiten ist bei allen Bedürfnissen mehr oder minder ausgesprochen zu beobachten. Sein Grundfall ist das „Sichverlieben“. Auch bei den Triebgewohnheiten ist die bloße Wiederholung keineswegs das Entscheidende für die Fixierung. [Lewin 1929/2009, 88f]

Die „äußeren Reize„, die die betreffenden Handlungen auslösen, sind selbst unmittelbare „Befriedigungsmittel“ oder stehen indirekt mit der Bedürfnisbefriedigung in Zusammenhang. Fehlen die äußeren Reize, so werden sie evtl. aufgesucht. Der Einfluss der Gewohnheit im Sinne einer wiederholten Ausführung besteht bei derartigen Prozessen evtl. in einer Fixierung der Befriedigungsart und der Befriedigungsmittel; daneben kommt vielleicht eine Steigerung der Bedürfnisintensität infolge wiederholter Befriedigung in Frage. [Lewin 1922, 117]

Derartige Gewohnheiten (resp. diese Komponente in einer Gewohnheitshandlung) sind daran kenntlich, dass die Wahrnehmung des „Reizes“ genügt, eine Tendenz zur Durchführung der Befriedigungsaktion auszulösen, falls das Bedürfnis (der Trieb) zu der betreffenden Zeit tatsächlich besteht. Fehlt andererseits zur Zeit der Wahrnehmung des Reizes der Trieb, oder ist das Bedürfnis befriedigt, so bleibt der betreffende Reiz gleichgültig; ja er pflegt bei gewissen Graden der „Sättigung„ oder „Übersättigung“ des Bedürfnisses zu einer entgegengesetzten Reaktion zu führen (Ekel, Abwehr u. ä.).

Bei den Schwierigkeiten der willentlichen Beseitigung solcher Befriedigungs-(Trieb-)Gewohnheiten können Schwierigkeiten mitspielen, die auch bei der Beseitigung von „Ausführungsgewohnheiten„ (siehe unten) auftreten. Das Wesentliche ist hier jedoch, dass alle Mühe, die bloße Befriedigungshandlung zu beseitigen, nur eine Art Herumkurieren an Symptomen darstellt. Die entscheidende Schwierigkeit des Vermeidens von solchen Fehlhandlungen aus Gewohnheit liegt in der Notwendigkeit der Beseitigung oder Umformung des Bedürfnisses selbst. Bisweilen scheint es möglich, das in Frage kommende Bedürfnis evtl. in abgewandelter Form auf anderem Wege so zu befriedigen, dass die Reize für die früheren Befriedigungshandlungen ihre Wirkung verlieren. Das Primäre bei diesen Gewohnheitshandlungen ist jedenfalls ein Befriedigung verlangendes Bedürfnis oder ein Trieb. Für ihre Beseitigung ist es wesentlich, dass man es wirklich mit einer bewegenden Kraft des seelischen Geschehens zu tun hat. [Lewin 1922, 118]

Ausführungsgewohnheiten

Unter der Bezeichnung Ausführungsgewohnheit möchte ich alle Gewohnheiten zusammenfassen, bei denen etwaige Fehlhandlungen aus Gewohnheit nicht auf Bedürfnisbefriedigungen zurückzuführen sind. [Lewin 1922, 119] Eine Ausführungsgewohnheit stellt keine selbständige Energiequelle dar. Führt eine solche Gewohnheit zu Fehlhandlungen, so stammt der Antrieb zur Fehlhandlung vielmehr, wie Experimente zeigen, in der Regel aus dem Willen zur richtigen Handlung oder geht auf gewisse umfassendere Willensziele oder Triebenergien zurück. Die experimentellen Befunde rechtfertigen also in hohem Grade die in manchen psychotherapeutischen Methoden bestehende Tendenz, hinter solchen scheinbar gleichgültigen Ausführungsgewohnheiten nicht nur eine Auswirkung geschichtlich entstandener Koppelungen zu sehen, sondern sie als Symptom gewisser, in der Gegenwart bestehender akuter Spannungen aufzufassen. [Lewin 1929/2009, 89]

Der Versuch der Beseitigung von Fehlhandlungen aus Ausführungsgewohnheiten wird vor allem die besondere Struktur der betreffenden Gewohnheitshandlung zu berücksichtigen haben, ob es sich z.B. um eine „unzweckmäßige“ Tätigkeitsbereitschaft handelt oder um eine unselbständige Teilhandlung in einer Komplexhandlung usw. Jedenfalls hat man es mit wesentlich anderen Schwierigkeiten zu tun als bei Beseitigung von Bedürfnis- bzw. Triebgewohnheiten: Es handelt sich allemal nur um das Erlernen, Umlernen oder Veranlassen bestimmter Ausführungstätigkeiten, ohne dass Schwierigkeiten für das Fassen und Aufrechterhalten der Absicht bestünden. Es kommen hier also nicht wie bei den Bedürfnisgewohnheiten im Wesentlichen Probleme der Motivation und Motivationskonstanz in Frage, sondern Probleme der Durchführung im engeren Sinn. [Lewin 1922, 122]

Zusammenspiel von Bedürfnis- bzw. Triebgewohnheiten mit Ausführungsgewohnheiten

Die Unterscheidung von Bedürfnis- bzw. Triebgewohnheiten und Ausführungsgewohnheiten soll keineswegs bedeuten, dass nicht bei einer konkreten Gewohnheit beide Faktoren mitspielen können. Bei der Beseitigung einer Bedürfnisbefriedigungsgewohnheit pflegen die für die Ausführungsgewohnheit in Betracht kommenden Momente eine nicht unbeträchtliche Rolle spielen. So kann eine Gewohnheitshandlung, die ursprünglich auf einem Bedürfnis beruht hat, als „leere Gewohnheitshandlung“ weiter ausgeführt werden. Dies ist so zu erklären: Die ursprünglichen Bedürfnisbefriedigungen sind in die allgemeine „Tageseinteilung“ resp. „Lebensgestaltung“ mit aufgenommen worden. Andererseits spielen vielleicht bei einer sehr viel größeren Zahl von Ausführungsgewohnheiten, als man zunächst annehmen möchte, Bedürfnisbefriedigungen mit. [Lewin 1922, 123f]

Zitierte Literatur

  • Koffka, Kurt (1923): Grundlagen der psychischen Entwicklung. Osterwieck: Zickfeldt.
  • Lewin, Kurt (1922): Das Problem der Willensmessung und das Grundgesetz der Assoziation. Teil II. Psychologische Forschung 2(1-2), 65-140.
  • Lewin, Kurt (1929/2009): Die Entwicklung der experimentellen Willenspsychologie und die Psychotherapie. Leipzig: Hirzel. Nachdruck in: Kurt Lewin (2009), Schriften zur angewandten Psychologie, Wien: Krammer, 81-111 [→ Bestellbar bei der ÖAGP-Geschäftsstelle]

Links: GTP-Fachliteratur zum Thema im Volltext

Forschungs-Klassiker:

  • Schwarz, Georg (1927): Über Rückfälligkeit bei Umgewöhnung. 1. Teil. Rückfalltendenz und Verwechslungsgefahr. Psychologische Forschung, 9(1-2), 86-157. (Experimentalforschung im Rahmen des Berliner Forschungsprogramms von Kurt Lewin zur Handlungs- und Affektpsychologie, Gewohnheiten und Süchte)
  • Schwarz, Georg (1933): Über Rückfälligkeit bei Umgewöhnung.Teil II. Über Handlungsganzheiten und ihre Bedeutung für die Rückfälligkeit. Psychologische Forschung, 18, 143-190. (Experimentalforschung im Rahmen des Berliner Forschungsprogramms von Kurt Lewin zur Handlungs- und Affektpsychologie, Gewohnheiten und Süchte)

Kurt Lewin: Schriften zur angewandten Psychologie. Aufträge, Vorträge, Rezensionen

Herausgegeben und eingeleitet von Helmut E. Lück

Wien: Verlag Wolfgang Krammer

Dem Buch liegt eine DVD mit seinen berühmten Filmen zur Welt des Kindes bei.

ISBN 978 3 901811 46 3 | 288 Seiten | Preis 28,00 Euro

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1)
Das Stichwort wurde nach Zitaten aus Lewin 1929/2009 und Lewin 1922 von Gerhard Stemberger zusammengestellt, wobei eine geringfügige Redigierung erfolgte, um einen ungestörten Lesefluss zu ermöglichen. Für Zitierungen wird empfohlen, die angegebenen Originalquellen heranzuziehen.
gewohnheit.txt · Zuletzt geändert: 12.03.2024 13:26 (Externe Bearbeitung)